Großer Streit nach ECHO-Verleihung

Was darf im Radio gespielt werden – und was darf ein Künstler in einem Song sagen? Das wird nach der ECHO-Verleihung heftig diskutiert. Die beiden Rapper Kollegah und Farid Bang waren ausgezeichnet worden für ihr Album „Jung, Brutal, Gutaussehend 3“. Darauf findet sich die Textzeile „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“. Schon während der Verleihung, die bei VOX übertragen wurde, gingen die Wogen hoch. Ganz heftig aber wurde es erst einige Tage später. Schwere Pakete werden in den nächsten Tagen beim Echo-Veranstalter eingehen. Denn etliche Künstler, die mit dem Deutschen Musikpreis ausgezeichnet worden sind, wollen ihn nach dem Eklat nicht mehr zu Hause im Regal stehen haben. Den Anfang hat Klaus Voormann gemacht, ein Wegbegleiter der Beatles, der gerade erst für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde. „Was sich für mich als Geschenk anlässlich meines 80. Geburtstags anfühlte, entpuppt sich nun als große Enttäuschung“, sagt er. Das Notos-Quartett aus Berlin schickt seinen Echo Klassik genauso zurück wie der Dirigent Enoch zu Guttenberg und der Pianist Igor Levit. Außerdem hat der Präsident des Deutschen Kulturrats, Christian Höppner, angekündigt, sich aus dem Beirat des Musikpreises zurückzuziehen.

Verliehen wird der ECHO vom Bundesverband Musikindustrie (BVMI). Der hat schon angekündigt, das Konzept zu überarbeiten. Denn bis auf ausgewählte Kategorien, wie beispielsweise das Lebenswerk, wird der ECHO nach dem Ergebnis von Verkäufen und einer Juryabstimmung vergeben. In strittigen Themen kann auch der unabhängige ECHO-Beirat entscheiden – in diesem Fall war er dagegen, Kollegah und Farid Bang auszuschließen. Florian Drücke, der Chef des Bundesverbandes Musikindustrie, wird in einem Statement deutlich: „Wir möchten an dieser Stelle in aller Deutlichkeit sagen, dass auch wir als Verband und Veranstalter des ECHO jede Art von Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Frauenfeindlichkeit, Homophobie und Gewaltverherrlichung ablehnen. Die Art und Weise der öffentlichen Befassung mit der Auszeichnung des Albums führte zu einer Welle der Betroffenheit, die uns sehr bestürzt und die den Preis überhöht und zugleich überfordert.“

Kritik kommt vor allem von den Granden der Musikbranche: BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken hatte Voormann den ECHO auf der Bühne überreicht. „Beim vorletzten Show-Act wurden wir dann mit der menschenverachtenden Brutalität der beiden Schein-Musikanten konfrontiert, allerdings ohne irgendetwas von deren Gebrabbel zu verstehen.“ Auch Peter Maffay findet deutliche Worte: „Der ECHO, die Verleihung dieses Jahr, war eine Ohrfeige für das demokratische Verständnis in unserem Land“, sagt er.

Der ARD-Koordinator für Unterhaltung, Thomas Schreiber, stellt den ECHO-Musikpreis gleich ganz in Frage. In der Zeitung „Die Welt“ schreibt er: „Die Musikindustrie steckt den Kopf in den Sand, hofft, das Ungemach zieht vorüber, und lernt nichts.“ Immerhin: Bei den meisten Sendern dürften die strittigen Verse der Skandalrapper nicht ausgestrahlt werden, so steht das ganze Album beim WDR auf dem Index. Die Inhalte des Albums seien unvereinbar mit öffentlich-rechtlichen Programmgrundsätzen, so eine Sprecherin.

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